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Rilke
Gedichte
Eine chronologische Auswahl
Topgedichte
- Gedichtbände
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Aus
"LARENOPFER" (1895)
Träume
Es
kommt die Nacht, reich mit Geschmeiden
geschmückt
des blauen Kleides Saum; -
sie
reicht mir mild mit ihren beiden
Madonnenhänden
einen Traum.
Dann
geht sie, ihre Pflicht zu üben,
hinfort
die Stadt mit leisem Schritt
und
nimmt, als Sold des Traumes, drüben
des
kranken Kindes Seele mit.
Als
ich die Universität bezog
Ich
seh zurück, wie Jahr um Jahr
so
müheschwer vorüberrollte;
nun
endlich bin ich, was ich wollte
und
was ich strebte: ein Skolar.
Erst
„Recht“ studieren war mein Plan;
doch
meine leichte Laune schreckten
die
strengen, staubigen Pandekten,
und
also ward der Plan zum Wahn.
Theologie
verbot mein Lieb,
konnt
mich auf Medizin nicht werfen,
so
dass für meine schwachen Nerven
nichts
als – Philosophieren blieb.
Die
Alma mater reicht mir dar
der
freien Künste Prachtregister, -
und
bring ich’s nie auch zum Magister,
bin
was ich strebte: ein Skolar.
Der
Träumer
I
Es
war ein Traum in meiner Seele tief.
Ich
horchte auf den holden Traum:
ich
schlief.
Just
ging ein Glück vorüber, als ich schlief,
und
wie ich träumte, hört ich nicht:
es
rief.
II
Träume
scheinen mir wie Orchideen. –
So
wie jene sind sie bunt und reich.
Aus
dem Riesenstamm der Lebenssäfte
ziehn
sie just wie jene ihre Kräfte,
brüsten
sich mit dem ersaugten Blute,
freuen
in der flüchtigen Minute,
in
der nächsten sind sie tot und bleich. –
Und
wenn Welten oben leise gehen,
fühlst
du’s dann nicht wie von Düften wehen?
Träume
scheinen mir wie Orchideen. -
Aus
"TRAUMGEKRÖNT" (1896)
Lieben
Ι
Und
wie mag die Liebe dir kommen sein?
Kam
sie wie ein Sonnen, ein Blütenschnein,
kam
sie wie ein Beten? – Erzähle:
Ein
Glück löste leuchtend aus Himmeln sich los
Und
hing mit gefalteten Schwingen groß
An
meiner blühenden Seele…
II
Das
war der Tag der weißen Chrysanthemen,-
mir
bangte fast vor seiner schweren Pracht…
Und
dann, dann kamst du mir die Seele nehmen
tief
in der Nacht.
Mir
war so bang, und du kamst lieb und leise,
ich
hatte grad im Traum an dich gedacht.
Du
kamst, und leis wie eine Märchenweise
erklang
die Nacht…
III
Einen
Maitag mit dir beisammen sein,
und
selbander verloren ziehn
durch
der Blüten duftqualmende Flammenreihn
zu
der Laube von weißem Jasmin.
Und
von dorten hinaus in den Maiblust schaun,
jeder
Wunsch in der Seele so still…
Und
ein Glück sich mitten in Mailust baun,
ein
großes, - das ist’s, was ich will…
IV
Ich
weiß nicht, wie mir geschieht…
Weiß
nicht, was Wonne ich lausche,
mein
Herz ist fort im Rausche,
und
die Sehnsucht ist wie ein Lied.
Und
mein Mädel hat fröhliches Blut
und
hat das Haar voller Sonne
und
die Augen von der Madonne,
die
heut noch Wunder tut.
Aus
"ADVENT" (1897)
FREMD
ist, was deine Lippen sagen,
fremd
ist dein Haar, fremd ist dein Kleid,
fremd
ist, was deine Augen fragen,
und
auch aus unsern wilden Tagen
reicht
nicht ein leises Wellenschlagen
an
deine tiefe Seltsamkeit.
Du
bist wie jene Bildgestalten,
die
überm leeren Altarspind
noch
immer ihre Hände falten,
noch
immer alte Kränze halten,
noch
immer leise Wunder walten –
wenn
längst schon keine Wunder sind.
DU
bist so fremd, du bist so bleich.
Nur
manchmal glüht auf deinen Wangen
ein
hoffnungsloses Heimverlangen
nach
dem verlornen Rosenreich.
Dann
sehnt dein Auge, tief und klar,
aus
allem Müssen, allem Mühen
ins
Land, wo nichts als stilles Blühen
die
Arbeit deiner Hände war.
WEISST
du, ich will mich schleichen
leise
aus lautem Kreis,
wenn
ich erst die bleichen
Sterne
über den Eichen
Blühen
weiß.
Wege
will ich erkiesen,
die
selten wer betritt
in
blassen Abendwiesen –
und
keinen Traum, als diesen:
Du
gehst mit.
BEI
dir ist es traut:
Zage
Uhren schlagen
wie
aus weiten Tagen.
Komm
mir ein Liebes sagen –
Aber
nur nicht laut.
Ein
Tor geht irgendwo
draußen
im Blütentreiben.
Der
Abend horcht an den Scheiben.
Lass
uns leise bleiben:
Keiner
weiß von uns.
DIE
Nacht holt heimlich durch des Vorhangs Falten
aus
deinem Haar vergessnen Sonnenschein.
Schau,
ich will nichts, als deine Hände halten
Und
still und gut und voller Frieden sein.
Da
wächst die Seele mir, bis sie in Scherben
den
Alltag sprengt; sie wird so wunderweit:
An
ihren morgenroten Molen sterben
die
ersten Wellen der Unendlichkeit.
BIST
gewandert
durch Wahn und Weh,
kommst
aus meinen dunkelsten Tagen,
hast
dir eine Brücke geschlagen
bis
zu mir über Schuld und Schnee.
Lenkst
mich lächelnd mit leisem Gebot,
und
auf kronengoldenen Locken
trägst
du flüchtig Feberflocken
in
den fröhlichen Frühlingstod.
WILL
dir
den Frühling zeigen,
der
hundert Wunder hat.
Der
Frühling ist waldeigen
und
kommt nicht in die Stadt.
Nur
die weit aus den kalten
Gassen
zu zweien gehen
und
sich bei den Händen halten –
dürfen
ihn einmal sehn.
WIE
meine
Träume nach dir schrein.
Wir
sind uns mühsam fremd geworden,
jetzt
will es mir die Seele morden,
dies
arme, bange Einsamsein.
Kein
Hoffen, das die Segel bauscht.
Nur
diese weite, weiße Stille,
in
die mein tatenloser Wille
in
atemlosen Bangen lauscht.
Aus
"MIR ZUR FEIER"
(1909)
ICH
bin
zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort
wo die Kinder schläfern, heiß vom Hetzen,
dort
wo die Alten sich zu Abend setzen,
und
Herde glühn und hellen ihren Raum.
Ich
bin zu Hause zwischen Tag und Traum.
Dort
wo die Abendglocken klar verklangen
und
Mädchen, vom Verhallenden befangen,
sich
müde stützen auf den Brunnensaum.
Und
eine Linde ist mein Lieblingsbaum;
Und
alle Sommer, welche in ihr schweigen,
rühren
sich wieder in den tausend Zweigen
und
wachen wieder zwischen Tag und Traum.
DU
musst das Leben nicht verstehen,
dann
wird es werden wie ein Fest.
Und
lass dir jeden Tag geschehen
So
wie ein Kind im Weitergehen
von
jedem Wehen
sich
viele Blüten schenken lässt.
Sie
aufzusammeln und zu sparen,
das
kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es
löst sie leise aus den Haaren,
drin
sie so gern gefangen waren,
und
hält den lieben jungen Jahren
nach
neuen seine Hände hin.
TRÄUME,
die in deinen Tiefen wallen,
aus
dem Dunkel lass sie alle los.
Wie
Fontänen sind sie, und sie fallen
lichter
und in Liederintervallen
ihren
Schalen wieder in den Schooß.
Und
ich weiß jetzt: wie die Kinder werde.
Alle
Angst ist nur ein Anbeginn;
aber
ohne Ende ist die Erde,
und
das Bangen ist nur die Gebärde,
und
die Sehnsucht ist ihr Sinn –
ALS
du mich einst gefunden hast,
da
war ich klein, so klein,
und
blühte wie ein Lindenast
nur
still in dich hinein.
Vor
Kleinheit war ich namenlos
und
sehnt mich so hin,
bist
du mir sagst, dass ich zu groß
für
jeden Namen bin:
Da
fühl ich, dass ich eines bin
mit
Myrthe, Mai und Meer,
und
wie der Duft des Weines bin
ich
deiner Seele schwer…
WIR
sind
ganz angstallein,
haben
nur aneinander Halt,
jedes
Wort wird wie ein Wald
vor
unserm Wandern sein.
Unser
Wille ist nur der Wind,
der
uns drängt und dreht;
weil
wir selber die Sehnsucht sind,
die
in Blüten steht.
ICH fürcht mich so vor der Menschen Wort.
Sie
sprechen alles so deutlich aus:
Und
dieses heißt Hund und jenes heißt Haus,
und
hier ist Beginn und das Ende ist dort.
Mich
bangt auch ihr Sinn, ihr Spiel mit dem Spott,
sie
wissen alles, was wird und war;
kein
Berg ist ihnen mehr wunderbar;
ihr
Garten und Gut grenzt grade an Gott.
Ich
will immer warnen und wehren: Bleibt fern.
Die
Dinge singen hör ich so gern.
Ihr
rührt sie an: sie sind starr und stumm.
Ihr
bringt mir alle Dinge um.
NENN
ich dich Aufgang oder Untergang?
Denn
manchmal bin ich vor dem Morgen bang
Und
greife scheu nach seiner Rosen Röte –
Und
ahne eine Angst in seiner Flöte
Vor
Tagen, welche liedlos sind und lang.
Aber
die Abende sind mild und mein,
von
meinem Schauen sind sie still beschienen;
in
meinen Armen schlafen Wälder ein –
und
ich bin selbst das Klingen über ihnen,
und
mit all dem Dunkel in den Violinen
verwandt
durch all mein Dunkelsein.
Aus
"DAS
STUNDENBUCH"
Erstes
Buch
Das
Buch vom mönchischen Leben 1899
ICH liebe
meines Wesens Dunkelstunden,
in
welchen meine Sinne sich vertiefen;
in
ihnen hab ich, wie in alten Briefen,
mein
täglich Leben schon gelebt gefunden
und
wie Legende weit und überwunden.
Aus
ihnen kommt mir Wissen, dass ich Raum
Zu
einem zweiten zeitlos breiten Leben habe.
Und
manchmal bin ich wie der Baum,
der,
reif und rauschend, über einem Grabe
den
Traum
erfüllt, den der vergangne Knabe
(um
den sich seine warmen Wurzeln drängen)
verlor
in Traurigkeiten und Gesängen.
WENN
es
nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn
das Zufällige und Ungefähre
verstummte
und das nachbarliche Lachen,
wenn
das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich
nicht so sehr verhinderte am Wachen -:
Dann
könnt ich in einem tausendfachen
Gedanken
bis an deinen Rand dich denken
Und
dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um
dich an alles Leben zu verschenken
wie
einen Dank.
ICH
lese
es heraus aus deinem Wort,
aus
der Geschichte der Gebärden,
mit
welchen deine Hände um das Werden
sich ründeten, begrenzend, warm und weise.
Du
sagtest leben laut
und sterben leise
und
wiederholtest immer wieder: Sein.
Doch
vor dem ersten Tode kam der Mord.
Da
ging ein Riss durch deine reifen Kreise
und
ging ein Schrein
und
riss die Stimmen fort,
die
eben erst sich sammelten
um
dich zu sagen,
um
dich zu tragen
alles
Abgrunds Brücke –
Und
was sie seither stammelten,
sind
Stücke
deines
alten Namens.
ICH
glaube an Alles noch nie Gesagte.
Ich
will meine frömmsten Gefühle befrein.
Was
noch keiner zu wollen wagte,
wird
mir einmal unwillkürlich sein.
Ist
das vermessen, mein Gott, vergieb.
Aber
ich will dir damit nur sagen:
Meine
beste Kraft soll sein wie ein Trieb,
so
ohne Zürnen und ohne Zagen;
so
haben dich ja die Kinder lieb.
Mit
diesem Hinfluten, mit diesem Münden
in
breiten Armen ins offene Meer,
mit
dieser wachsenden Wiederkehr
will
ich dich bekennen, will ich dich verkünden
wie
keiner vorher.
Und
ist das Hoffahrt, so lass mich hoffährtig sein
für
mein Gebet,
das
so ernst und allein
vor
deiner wolkigen Stirne steht.
WER seines Lebens viele Widersinne
versöhnt
und dankbar in ein Sinnbild fasst,
der
drängt
die
Lärmenden aus dem Palast,
wird
anders festlich,
und du bist der Gast,
den
er an sanften Abenden empfängt.
Du
bist der Zweite seiner Einsamkeit,
die
ruhige Mitte seinen Monologen;
und
jeder Kreis, um dich gezogen,
spannt
ihm den Zirkel aus der Zeit.
ICH
verrinne,
ich verrinne
wie
der Sand, der durch Finger rinnt.
Ich
hab auf einmal so viele Sinne,
die
alle anders durstig sind.
Ich
fühle mich an hundert Stellen
schwellen
und schmerzen.
Aber
am meisten mitten im Herz.
Ich
möchte sterben. Lass mich allein.
Ich
glaube, es wird mir gelingen,
so
bange zu sein,
dass
mir die Pulse zerspringen.
DU
bist so groß, dass ich schon nicht mehr bin,
wenn
ich mich nur in deine Nähe stelle.
Du
bist so dunkel; meine kleine Helle
an
deinem Saum hat keinen Sinn.
Dein
Wille geht wie eine Welle
und
jeder tag ertrinkt darin.
Nur
meine Sehnsucht ragt dir bis ans Kinn
und
steht vor dir wie aller Engel größter:
ein
fremder, bleicher und noch unerlöster,
und
hält dir seine Flügel hin.
Er
will nicht mehr den uferlosen Flug,
an
dem die Monde blass vorüberschwammen,
und
von den Welten weiß er längst genug.
Mit
seinen Flügeln will er wie mit Flammen
Vor
deinem schattigen Gesichte stehn
und
will bei ihrem weißen Scheine sehn,
ob
deine grauen Brauen ihn verdammen.
Zweites
Buch
Das
Buch von der Pilgerschaft 1901
LÖSCH mir
die Augen aus: ich kann dich sehn,
wirf
mir die Ohren zu: ich kann dich hören,
und
ohne Füße kann ich zu dir gehen,
und
ohne Mund noch kann ich dich beschwören.
Brich
mir die Arme ab, ich fasse dich
mit
meinem Herzen wie mit einer Hand,
halt
mir das Herz zu, und mein Hirn wird schlagen,
und
wirfst du in mein Hirn den Brand,
so
werd ich dich auf meinem Blute tragen.
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Buchtipp
Rilke-Gedichte.de
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Gesammelte
Werke (5 Bände)
Angefangen von "Mir zur Feier" und dem "Cornet" über
"Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" und die großen
Sammlungen "Neue Gedichte" und "Der Neuen
Gedichte anderer
Teil" bis zu den "Duineser Elegien" und den
"Sonetten an Orpheus".
Ergänzt
werden die dichterischen Hauptwerke Rilkes durch eine
Auswahl aus seinen Schriften zu Literatur und Kunst.
alle
Buch-CD-Tipps
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Aus
"DAS
BUCH DER BILDER"
(1902 und 1906)
Des
ersten Buches erster Teil
DIE
LIEBENDE
JA
ich sehne mich nach dir. Ich gleite
mich
verlierend selbst mir aus der Hand,
ohne
Hoffnung, dass ich Das bestreite,
was
zu mir kommt wie aus deiner Seite
ernst
und unbeirrt und unverwandt.
…jene
Zeiten: o wie war ich Eines,
nichts
was rief und nichts was mich verriet;
meine
Stille war wie eines Steines,
über
den der Bach sein Murmeln zieht.
Aber
jetzt in diesen Frühlingswochen
hat
mich etwas langsam abgebrochen
von
dem unbewussten dunkeln Jahr.
Etwas
hat mein armes warmes Leben
irgendeinem
in die Hand gegeben,
der
nicht weiß was ich noch gestern war.
Des
ersten Buches zweiter Teil
INITIALE
Aus
unendlichen Sehnsüchten steigen
endlich
Taten wie schwache Fontänen,
die
sich zeitig und zitternd neigen.
Aber,
die sich uns sonst verschweigen,
unsere
fröhlichen Kräfte – zeigen
sich
in diesen tanzenden Tränen.
MENSCHEN
BEI NACHT
Die
Nächte sind nicht für die Menge gemacht.
Von
deinem Nachbar trennt dich die Nacht,
und
du sollst ihn nicht suchen trotzdem.
Und
machst du nachts deine Stube licht,
um
Menschen zu schauen ins Angesicht,
so
musst du bedenken: wem.
Die
Menschen sind furchtbar vom Licht entstellt,
das
von ihren Gesichtern träuft,
und
haben sie nachts sich zusammengesellt,
so
schaust du eine wankende Welt
durcheinandergehäuft.
Auf
ihren Stirnen hat gelber Schein
alle
Gedanken verdrängt,
in
ihren Blicken flackert der Wein,
an
ihren Händen hängt
die
schwere Gebärde, mit der sie sich
bei
ihren Gesprächen verstehn.
und
dabei sagen sie: Ich
und Ich
und
meinen: Irgendwen.
EINSAMKEIT
Die
Einsamkeit ist wie ein Regen.
Sie steigt vom Meer den Abenden entgegen;
von Ebenen, die fern sind und entlegen,
geht sie zum Himmel, der sie immer hat.
Und erst vom Himmel fällt sie auf die Stadt.
Regnet hernieder in den Zwitterstunden,
wenn sich nach Morgen wenden alle Gassen
und wenn die Leiber, welche nichts gefunden,
enttäuscht und traurig von einander lassen;
und wenn die Menschen, die einander hassen,
in einem Bett zusammen schlafen müssen:
dann geht die Einsamkeit mit den Flüssen...
ERINNERUNG
Und
du wartest, erwartest das Eine,
das dein Leben unendlich vermehrt;
das Mächtige, Ungemeine,
das Erwachen der Steine,
Tiefen, dir zugekehrt.
Es dämmern im Bücherständer
die Bände in Gold und Braun;
und du denkst an durchfahrene Länder,
an Bilder, an die Gewänder
wiederverlorener Fraun.
Und da weißt du auf einmal: das war es.
Du erhebst dich, und vor dir steht
eines vergangenen Jahres
Angst und Gestalt und Gebet.
ABEND
Der
Abend wechselt langsam die Gewänder,
die
ihm ein Rand von alten Bäumen hält;
du
schaust: und von dir scheiden sich die Länder,
ein
himmelfahrendes und eins, das fällt;
und
lassen dich, zu keinem ganz gehörend,
nicht
ganz so dunkel wie das Haus, das schweigt,
nicht
ganz so sicher Ewiges beschwörend
wie
das, was Stern wird jede Nacht und steigt –
und
lassen dir (unsäglich zu entwirrn)
dein
Leben bang und riesenhaft und reifend,
so
dass es, bald begrenzt und bald begreifend,
abwechselnd
Stein in dir wird und Gestirn.
ERNSTE
STUNDE
Wer
jetzt weint irgendwo in der Welt,
ohne Grund weint in der Welt,
weint über mich.
Wer jetzt lacht irgendwo in der Nacht,
ohne Grund lacht in der Nacht,
lacht mich aus.
Wer jetzt geht irgendwo in der Welt,
ohne Grund geht in der Welt,
geht zu mir.
Wer jetzt stirbt irgendwo in der Welt,
ohne Grund stirbt in der Welt:
sieht mich an.
Des
zweiten Buches erster Teil
INITIALE
Gieb
deine Schönheit immer hin
ohne Rechnen und Reden.
Du schweigst. Sie sagt für dich: Ich bin.
Und kommt in tausendfachem Sinn,
kommt endlich über jeden.
Des
zweiten Buches zweiter Teil
SCHLUSSSTÜCK
Der
Tod ist groß.
Wir sind die Seinen
lachenden Munds.
Wenn wir uns mitten im Leben meinen,
wagt er zu weinen
mitten in uns.
Aus
"NEUE
GEDICHTE"
(1907)
LIEBES-LIED
Wie
soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkel unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Geiger hat uns in der Hand?
O süßes Lied.
RÖMISCHE
FONTÄNE
Borghese
Zwei Becken, eins das andre übersteigend
aus einem alten runden Marmorrand,
und aus dem oberen Wasser leis sich neigend
zum Wasser, welches unten wartend stand,
dem leise redenden entgegenschweigend
und heimlich, gleichsam in der hohlen Hand,
ihm Himmel hinter Grün und Dunkel zeigend
wie einen unbekannten Gegenstand;
sich selber ruhig in der schönen Schale
verbreitend ohne Heimweh, Kreis aus Kreis,
nur manchmal träumerisch und tropfenweis
sich niederlassend an den Moosbehängen
zum letzten Spiegel, der sein Becken leis
von unten lächeln macht mit Übergängen.
DER
GEFANGENE
I
Meine Hand hat nur noch
eine
Gebärde, mit der sie verscheucht;
auf die alten Steine
fällt es aus Felsen feucht.
Ich höre nur dieses Klopfen
und mein Herz hält Schritt
mit dem Gehen der Tropfen
und vergeht damit.
Tropften sie doch schneller,
käme doch wieder ein Tier.
Irgendwo war es heller -.
Aber was wissen wir.
II
Denk dir, das was jetzt Himmel ist und Wind,
Luft deinem Mund und deinem Auge Helle,
das würde Stein bis um die kleine Stelle
an der dein Herz und deine Hände sind.
Und was jetzt in dir morgen heißt und dann
und: späterhin und nächstes Jahr und weiter
das würde wund in dir und voller Eiter
und schwäre nur und bräche nicht mehr an.
Und das was war, das wäre irre und
raste in dir herum, den lieben Mund
der niemals lachte, schäumend von Gelächter.
Und das was Gott war, wäre nur dein Wächter
und stopfte boshaft in das letzte Loch
ein schmutziges Auge. Und du lebtest doch.
DER
PANTHER
Im
Jardin des Plantes, Paris
Sein
Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe
so müd geworden, daß er nichts mehr hält.
Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe
und hinter tausend Stäben keine Welt.
Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,
der sich im allerkleinsten Kreise dreht,
ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,
in der betäubt ein großer Wille steht.
Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille
sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,
geht durch der Glieder angespannte Stille -
und hört im Herzen auf zu sein.
DAS
KARUSSELL
Jardin
du Luxemburg
Mit einem Dach und seinem Schatten dreht
sich eine kleine Weile der Bestand
von bunten Pferden, alle aus dem Land,
das lange zögert, eh es untergeht.
Zwar manche sind an Wagen angespannt,
doch alle haben Mut in ihren Mienen;
ein böser roter Löwe geht mit ihnen
und dann und wann ein weißer Elefant.
Sogar ein Hirsch ist da, ganz wie im Wald,
nur daß er einen Sattel trägt und drüber
ein kleines blaues Mädchen aufgeschnallt.
Und auf dem Löwen reitet weiß ein Junge
und hält sich mit der kleinen heißen Hand,
dieweil der Löwe Zähne zeigt und Zunge.
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und auf den Pferden kommen sie vorüber,
auch Mädchen, helle, diesem Pferdesprunge
fast schon entwachsen; mitten in dem Schwunge
schauen sie auf, irgendwohin, herüber -
Und dann und wann ein weißer Elefant.
Und das geht hin und eilt sich, daß es endet,
und kreist und dreht sich nur und hat kein Ziel.
Ein Rot, ein Grün, ein Grau vorbeigesendet,
ein kleines kaum begonnenes Profil -.
Und manchesmal ein Lächeln, hergewendet,
ein seliges, das blendet und verschwendet
an dieses atemlose blinde Spiel...
Aus
"DER
NEUEN GEDICHTE ANDERER TEIL"
(1908)
Archaïscher
Torso Apollos
Wir
kannten nicht sein unerhörtes Haupt,
darin die Augenäpfel reiften. Aber
sein Torso glüht noch wie ein Kandelaber,
in dem sein Schauen, nur zurückgeschraubt,
sich hält und glänzt. Sonst könnte nicht der Bug
der Brust dich blenden, und im leisen Drehen
der Lenden könnte nicht ein Lächeln gehen
zu jener Mitte, die die Zeugung trug.
Sonst stünde dieser Stein entstellt und kurz
unter der Schultern durchsichtigem Sturz
und flimmerte nicht so wie Raubtierfelle;
und bräche nicht aus allen seinen Rändern
aus wie ein Stern: denn da ist keine Stelle,
die dich nicht sieht. Du mußt dein Leben ändern.
DAS
GOLD
Denk
es wäre nicht: es hätte müssen
endlich in den Bergen sich gebären
und sich niederschlagen in den Flüssen
aus dem Wollen, aus dem Gären
ihres Willens; aus der Zwang-Idee,
daß ein Erz ist über allen Erzen.
Weithin warfen sie aus ihren Herzen
immer wieder Meroë
an den Rand der Lande, in den Äther,
über das Erfahrene hinaus;
und die Söhne brachten manchmal später
das Verheißene der Väter,
abgehärtet und verhehrt, nachhaus;
wo es anwuchs eine Zeit, um dann
fortzugehn von den an ihm Geschwächten,
die es niemals liebgewann.
Nur (so sagt man) in den letzten Nächten
steht es auf und sieht sie an.
Aus
"DIR
ZUR FEIER" (1897/1898)
(aus dem Nachlass)
ICH
möchte
dir ein Liebes schenken,
das
dich mir zur Vertrauten macht:
aus
meinem Tag ein Deingedenken
und
einen Traum aus meiner Nacht.
Mir
ist, dass wir uns selig fänden
und
dass du dann wie ein Geschmeid
mir
lösest aus den müden Händen
die
niebegehrte Zärtlichkeit.
DU
weißt: mein müder Wille
lag
vor dir auf den Knien,
und
flehte: „Sei die Stille…“
und
du erhörtest ihn.
Du
sahst: in heißem Hauchen
ward
Kranz und Kraft ihm alt,
und
er muss Kühle brauchen -:
da
warst du wie der Wald.
Und
hattest tausend Tiefen,
und
wurdest wild und weit,
und
viele Stimmen riefen
aus
deiner Seltsamkeit.
UND
ob
ihr mich von Herd und Heimat triebt
Noch
eh ich wusste, wie die Winde wehn,
und
ob ihr mich von Herd und Heimat triebt,
ich
muss im Fernen nicht im Fremden gehen
und
muss nicht bang sein; mir kann nichts geschehn,
seit
ich begreife, wie mich alles liebt.
Ich
hab das „Ich“ verlernt und weiß nur: „wir“.
Mit
der Geliebten wurde ich zu zwein;
und
aus uns beiden in die Welt hinein
und
über alles Wesen wuchs das Wir.
Und
weil wir Alles
sind, sind wir allein.
Aus
"GEDICHTE 1906 bis 1926 "
(aus dem Nachlass)
DIE
LIEBENDEN
SIEH,
wie sie zu einander erwachsen:
In
ihren Adern wird alles Geist.
Ihre
Gestalten beben wie Achsen,
um
die es heiß und hinreißend kreist.
Dürstende,
und sie bekommen zu trinken,
Wache
und sieh: sie bekommen zu sehn.
Lass
sie ineinander sinken,
um
einander zu überstehn.
LIEBESANFANG
O
LÄCHELN, erstes
Lächeln, unser Lächeln.
Wie
war das Eines: Duft der Linden atmen,
Parkstille
hören -, plötzlich in einander
Aufschaun
und staunen bis heran ans Lächeln.
In
diesem Lächeln war Erinnerung
an
einen Hasen, der da eben drüben
im
Rasen spielte; dieses war die Kindheit
des
Lächelns. Ernster schon war ihm des Schwanes
Bewegung
eingegeben, den wir später
den
Weiher teilen sahen in zwei Hälften
Lautlosen
Abends. – Und der Wipfel Ränder
gegen
den reinen, freien, ganz schon künftig
nächtigen
Himmel hatten diesem Lächeln
Ränder
gezogen gegen die entzückte
Zukunft
im Antlitz.
WUNDERLICHES
Wort:
die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? -
Sieh, der Tag verlangsamt sich, entgegen
jenem Raum, der ihn nach Abend nimmt:
Aufstehn wurde Stehn, und Stehn wird Legen,
und das willig Liegende verschwimmt -
Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit.
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